Mit Frauenpower und Ästhetik angreifen

Die HG Regensburg kämpft um den Aufstieg in Liga zwei; mit dabei in der Frauenriege ist auch eine ehemalige Balletttänzerin.
von Michael Sperger, MZ

Sabine Schuderer kämpft in der 1. Mannschaft für die Hebergemeinschaft Regensburg um den Aufstieg in die 2. Bundesliga. Foto: Sperger

REGENSBURG.Gewichtheben ist in Regensburg wieder schwer im Kommen. Doch nicht nur Männer üben sich im Reißen und Stoßen. Auch immer mehr Frauen stoßen zur Hebergemeinschaft Regensburg. Hier stehen sie an der Seite der Männer und kämpfen aktuell gemeinsam um den Aufstieg in die 2. Bundesliga – sehr zur Freude von Josef Graf. Er ist Übungsleiter beim KSV Bavaria, der Teil der Hebergemeinschaft ist. „Viele unserer Sportlerinnen sind Studenten in Regensburg. Sie sind alle sehr fleißig und müssen manchmal sogar gebremst werden“, sagt Graf.

Bei der HG Regensburg gibt es ein paar wenige Gewichtheberinnen, die seit der Jugend dabei sind. Das ist aber eher die Ausnahme. „Wir haben viele Quereinsteiger; oft vom Fitnessstudio oder über Crossfit“, erklärt der Trainer. Crossfit ist ein amerikanisches Fitnesstraining, das auch in Wettkämpfen praktiziert wird. Es vereint Sprinten, Eigengewichtsübungen Turnen und auch Gewichtheben. „Die Stunden in denen die Technik fürs Gewichtheben gelernt wird, waren mir zu wenig. Deshalb kam ich in den Verein“, sagt Lena Nützel. Mittlerweile ist sie ein fester Bestandteil der 1. Mannschaft.

Vom Ballett gekommen

Einen etwas anderen Werdegang hat Claudia Pobig vorzuweisen. Statt vom Kraftsport oder Fitnesstraining kam sie vom Tanzen zum Gewichtheben. „Ich habe bis 2009 Ballett getanzt und war auch in Showtanz-Gruppen. Nach einer längeren Pause vom Sport kam ich dann zum Gewichtheben und über meinen Freund zur HG nach Regensburg“, erklärt sie.

Ihren ersten Wettkampf bestritt Pobig im März 2015. Ein halbes Jahr und mehrere Bezirksrekorde später gewann sie ihren ersten Titel als bayerische Meisterin – damals noch für Bayreuth.

„Für mich gibt es keinen Männer- oder Frauensport“Anna Soler

Der Umstieg ist also durchaus geglückt. Eine Rückkehr in den Tanzsport könnte sie sich nicht vorstellen. „Ich war nie eine übertalentierte Tänzerin. Das Gewichtheben macht mir unheimlich Spaß und der Erfolg bleibt ja auch nicht aus“, erklärt die bereits mehrfache bayerische Meisterin.

Auch solch ein Umstieg ist nicht einzigartig. Bei der Hebergemeinschaft, die 2006 aus dem KSV Bavaria und dem AC Regensburg fusionierte, gibt es zwei weitere Beispiele für komplette Quereinsteiger. Da wäre Anna Soler. Die Spanierin war vorher Rugbyspielerin. „Für mich gibt es keinen Männer- oder Frauensport. Es ist einfach Sport“, sagt Soler. Als große Gemeinsamkeit zwischen den beiden Sportarten sieht sie die Athletik. Diese ist sowohl bei Rugby als auch beim Gewichtheben sehr wichtig.

Auch der Werdegang von Sabine Schuderer ist nicht gerade alltäglich. Sie macht seit vier Jahren neben dem Gewichtheben Poledance. „Dadurch habe ich die Grundstabilität und Körperbeherrschung schon mitgebracht. Mittlerweile bin ich sogar Poledance-Lehrerin“, sagt die Heberin der 1. Mannschaft.

Die Frauen der HG Regensburg

Muskeln sind nicht alles

Die beiden Sportarten haben bei näherem Betrachten mehr gemeinsam als man denkt: Rücken, Bauch und Rumpfmuskulatur werden jeweils besonders trainiert. Doch nicht nur Muskeln und Kraft stehen beim Gewichtheben im Vordergrund. „

„Gewichtheben ist ein ästhetischer Sport“Josef Graf

Ohne die richtige Technik gehen die Gewichte nicht hoch“, erklärt Anna Soler. Deshalb sei auch das Bild des Sports nach Außen veraltet. „Die meisten Leute stellen sich bei Gewichthebern dicke Frauen und Männer vor. Das ist aber bei weitem nicht so. Unsere Mädels sind alle sehr ansehnlich und dennoch erfolgreich“, sagt Graf. „Gewichtheben ist bei den Frauen durchaus ein ästhetischer Sport.“ Die Ergebnisse werden nicht rein nach gehobenem Gewicht geordnet, sondern nach Relativpunkten gewertet. „Hier wird je nach Körpergewicht der Athleten ein gewisser Wert von der Einzelleistung abgezogen“, erklärt der Übungsleiter.

Die Frauen arbeiten immer weiter an sich. Denn im Gewichtheben lernt man nie aus. „Die Technik kann immer weiter verbessert werden. Das ist ein Sport für Perfektionisten“, verrät Sabine Schuderer. Sie schafft es nur dank drei bis vier Trainings pro Woche, den Leistungsstandard der 1. Mannschaft zu halten.

Sabine Schuderer, Anna Soler, Marie Reuter und Lena Nützel behaupten sich in der Männerdomäne.Foto: Sperger

Wenn die Nachfrage besteht, bietet Trainer Graf auch am Wochenende zusätzliche Einheiten an. „Wenn die Mädels mal wieder top motiviert sind, kommen sie auch mal fünf bis siebenmal pro Woche“, sagt er. Der gesamte Verein sei eine große Familie, die immer zusammenhält. Nicht nur innerhalb der Frauenriege stimmt die Chemie. „Wir Frauen verstehen uns natürlich alle super, aber es ist auch okay, dass wir kein reines Frauenteam haben. Die Männer haben uns alle freundlich aufgenommen“, erklärt Marie Reuter.

Zwei Siege bis zum Aufstieg

Am Samstag gastiert am vorletzten Wettkampf der Gewichtheber-Bayernliga im Oberpfalzderby der ASV Neumarkt um 18 Uhr bei der HG Regensburg, die derzeit auf Platz zwei steht. Austragungsort ist die KSV-Halle in der Prüfeninger Straße. Mit einem Sieg und einer guten Punkteausbeute können die Regensburger sogar die Tabellenspitze im Fernduell vom 1. AC Weiden zurückholen.

Am 25. März kommt es in Regensburg zum direkten Aufeinandertreffen der beiden Spitzenteams. „Wir wollen dabei als Sieger hervorgehen. Damit würden wir den Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt machen“, sagt Trainer Graf. Nur der Meister der Bayernliga ist zum Aufstieg berechtigt. Der HG Regensburg war bereits 2009 der Aufstieg in Liga zwei gelungen, nach einem Jahr war der direkte Wiederabstieg jedoch nicht zu verhindern. Mit Raphaela Rochelt und ihrer Schwester Victoria (Misirli) stehen auch zwei Heberinnen aus dem damaligen Kader im Aufgebot.

„Ich habe Spaß, wenn meine Schützlinge Spaß haben. Deshalb wollen wir den Aufstieg anpacken“, sagt Graf. Auch über die finanziellen Mehraufwendungen für die weiteren Auswärtsfahrten macht er sich keine Sorgen: „Das werden wir alles hinbekommen.“ So stünde einem Aufstieg nichts mehr im Wege. Der sportliche Grundstein kann schon am Samstag gelegt werden – mit viel Frauenpower.


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